phytomontana
Efeu, Maiglöckchen und Rittersporn – die “geprennten Wasser” vor 500 Jahren
In den alten Schriften finden sich wahre Schätze...

Wenn es um Pflanzenwissen geht, sind alte Bücher eine wahre Fundgrube...

Vom arabischen Raum weiß man, dass dort die Herstellung ätherischer Öle mittels Wasserdampfdestillation bereits vor Jahrtausenden bekannt war. Aber wie war das mit der Destillation von Pflanzen in unseren Breiten? Ich begab mich auf eine kleine Forschungstour ins Salzburger Landesarchiv und stieß dort unter anderem auf den Wiener Arzt Michael Puff v. Schrick. Der gab Ende des 15. Jahrhunderts ein Büchlein heraus, in dem er die Wirkung von immerhin 80 Pflanzenwassern beschrieb.

Eines gleich vorweg: Die Aufzeichnungen zum Thema “Pflanzendestillation” sind rar! Sobald es ums Destillieren geht, steckt meist was Promilleträchtiges dahinter. Kaum ein Autor, der sich mit der Pflanzendestillation befasst. Und dann gibt’s noch ein Problem: Alte Handschriften sind für Uneingeweihte ganz schön schwer leserlich! Nicht bloß wegen der ungewohnten Schrift. Es hat sich auch sprachlich in den vergangenen Jahrhunderten einiges getan… 

Glücklicherweise hat mir diese Arbeit Hans Peter Pascher beträchtlich erleichtert. Seine 1988 herausgegebene Arbeit über “Michael Puff aus Schrick: Büchlein von den ausgebrennten Wässern” war es, die ich im Landesarchiv fand und die mir die Tür zu weiteren Recherchen in die faszinierende Vergangenheit der Pflanzendestillation öffnete.  Pascher kommt in seinen Recherchen übrigens zu dem Schluss, “die Destillation von Heilpflanzen dürfte bereits im 13. Jahrhundert allgemein verbreitet gewesen”. Auch interessant, oder?  

Jetzt aber zu Schrick selbst: Der Arzt († 1472) wurde um 1400 geboren und war zu seiner Zeit einer der renommiertesten Ärzte von Wien. 1452 zergliederte er die erste weibliche Leiche, bis zu diesem Jahre war nur die Section männlicher Leichen gestattet. Aber das nur so nebenbei. Für uns Hydrolier-Fans interessanter sind andere Leistungen: So verfasste Schrick unter anderem ein Büchlein “Von allen geprenten wassern in welcher maß man die nützen unnd prauchen soll zu gesundtheyt unnd frystung der geprechen der mennschen”, das noch lange nach seinem Tod im 16. und 17. Jahrhundert mehrfach aufgelegt werden sollte.  

Schrick, der nicht nur über medizinisches sondern auch großes botanisches Wissen verfügte, schildert darin die Wirkung von rund 80 Heilpflanzen-Destillaten, wobei er durchaus auf die Erkenntnisse anderer Heilpflanzenkundiger zurückgreift. Leider macht er in seinen Schriften keine konkrete Angaben über das Destillationsverfahren selbst. Wir können also nur mutmaßen, ob und in welcher Weise dabei die Wasserdampfdestillation eine Rolle spielte.  

In die Destille wanderten damals übrigens Maiglöcken, Rittersporn und ähnliches, wovon man heute vielleicht lieber die Finger lassen sollte…
Jetzt aber zur Liste der bei Schrick beschriebenen Pflanzenwasser (nach Pascher):  

Abschlag, aschlach (Allium ascalonium L.) Lauch
Aychenlaub (Quercus sp.) Eiche
Baldrian (Valeriana officinalis L.) Echter Baldrian
Bethonie (Betonica officinalis L.) Gewöhnlicher Beifuß (Anmerkung: Hier muss sich in Paschers Papier ein Druckfehler eingeschlichen haben, die Betonica officinalis ist  der Heilziest und nicht der Beifuß. Dass ich das beim Abtippen nicht selbst gemerkt habe, sondern erst von einer aufmerksamen Leserin darauf hingewiesen werden musste, ist eine Peinlichkeit für sich, weil: Für mein Phytomontana-Logo habe ich bewusst den Beifuß gewählt!!!)
Bilsen (Hyoscyamus niger L.) Schwarzes Bilsenkraut
Binsaugen (Lamium album L.) Weiße Taubnessel
Bonenplue (Phaseolus vulgaris L.) Gewöhnliche Bohne
Braunellen (Prunella vulgaris L.) Kleine Braunelle
Brunnenkreß (Nasturtium officinale R.Br.) Rechte Brunnenkresse
Creuczwurcz (Euphorbia lathyris L.) Spring-Wolfsmilch
Ephey (Hedera helix L.) Gewöhnlicher Efeu
Erdper (Fragaria vesca L.) Wald-Erdbeere
Erdrauch / Centaur (Fumaria officinalis L.) Gewöhnlicher Erdrauch
Eufrasia (Euphrasia rostkoviana Hayne ) Wiesen-Augentrost
Eysenkraut (Verbena officinalis L.) Gewöhnliches Eisenkraut
Felberplue (Salix sp.) Weide
Freysam (Viola tricolor L.) Gewöhnliches Stiefmütterchen
Gamillen (Matricaria chamomilla L.) Echte Kamille
Genßdistel (Sonchus arvensis L.) Acker-Gänsedistel
Gertelen (Stabwurz) (Artemisia abrotanum L.) Eberraute
Grensing (Potentilla reptans L.) Kriech-Fingerkraut
Hauswurz (Sempervivum tectorum L.) Dach-Hauswurz
Himmelbrand (Verbascim thapsus L.) Kleinblütige Königskerze
Hirßzungen (Phyllitis scolopendrium (L.) Newm.) Gew. Hirschunge
Holerplue (Sambucus nigra L.) Schwarzer Holunder
Ispen (Hyssopus officinalis L.) Echter Ysop
Plaw koren pluemen (Centaurea cyanus L.) Kornblume
Kranwitper / Wachalter (Juniperus communis L.) Gew. Wacholder
Künlinkraut /chumguntkraut (Eupatorium cannabis L.) Wasserdost
Küttenplue (Cyttonia oblonga Mill.) Gewöhnliche Quitte
Lavendel (Lavendula angustifolia Mill.) Echter Lavendel
Leubstickel (Levisticum officinale L.) Gew. Liebstöckel
Lilien weiß (Lilium candidum L.) Weiße Lilie
Lilien plaw (Iris germanica L.) Deutsche Schwertlilie
Speck lilien / Veld gilgen (Lilium bulbiferum L.) Feuer-Lilie
Lindenplue (Tilia platyphyllos Scop.) Sommer-Linde
Mauchen (Galeopsis speciosa Mill.) Bunte Hanfnessel
Maseron / Meyeron (Origanum vulgare L.) Gewöhnlicher Dost
Mayenpluemen (Convallaria majalis L.) Maiglöckchen
Meußor (Hieracium pilosella L.) Langhaar-Habichtskraut
Meyendistel (Sonchus arvensis L.) Acker-Gänsedistel
Moerraettich (Armoracia rusticana G.,M.&Sch.) Gew. Meerrettich
Münczen (Mentha sp.) Minze
Nachtschatten (Solanum sp.) Nachtschatten
Nesseln (Urtica dioica L.) Gewöhnliche Brennessel
Ochsenzungen (Anchusa officinalis L.) Gewöhnliche Ochsenzunge
Papel (Malva sp.) Käsepappel
Petersilie (Petroselinum crispum (Mill.) A.W.Hill) Echte Petersilie
Pfaffenkraut (Melissa officinalis L.) Echte Melisse
Pfifferling (Cantharellus cibarius L.) Pfifferling
Polayen (Mentha pulegium L.) Polei-Minze
Porragen (Borago officinalis L.) Gewöhnlicher Borretsch
Raettich (Raphanus sativus L.) Garten-Rettich
Ringelblume (Calendula officinalis L.) Garten-Ringelblume
Rittersporn (Consolida sp.) Rittersporn
Rosen (Rosa sp.) Rose
Rosen die auf dem hagedorn steend (Rosa sp.) Rose
Salua (Salvia officinalis L.) Echter Salbei
wild salua (Salvia pratensis L.) Wiesen-Salbei
Saurampfer (Rumex acetosa L.) Wiesen-Sauerampfer
Schelwurcz (Chelidonium majus L.) Gewöhnliches Schöllkraut
Schnellpluemen (Papver rhoeas L.) Klatsch-Mohn
Schwammen
Seepluemen (Nymphea alba L.) Gewöhnliche Seerose
Seyden (Cuscuta sp.) Teufelszwirn
Sparig (Asparagus officinalis L.) Garten-Spargel
Spindelbaum / Pfaffenhoedel (Euonymus europaea L.) Gew. Spindelbaum
Steinprech (Saxifraga sp.) Steinbrech
Taschenkraut (Capsella bursa-pastories (L.) Med.) Gewöhnliches Hirtentäschchen
Tillen (Anethum graveolens L.) Echter Dill
Valdrian (Valeriana officinalis L.) Echter Baldrian
Venchel (Foeniculum vulgare Mill.) Echter Fenchel
Veyel (Vioala odorata L.) März-Veilchen
Gelb veyel (Viola arvensis Murray) Acker-Stiefmütterchen
Walwurcz (Symphytum officinale) Gewöhnlicher Beinwell
Wegrich (Plantago lanceolata L., Pl. major L., Pl. media L.) Spitz-Wegerich, Breit-Wegerich, Mittlerer Wegerich
Wegraß (Polygonum aviculare L.) Vogel-Knöterich
Wermut (Argemisia absinthium L.) Echter Wermut
Gebrannter Wein  

Zickel
Kuedreck  

In der Ebenthaler Handschrift sind noch fünf weitere Pflanzen angeführt:
Stabwurz (identisch mit der Eberraute), Huefpletter, Rutten, Praunpatenig,
Weißpatenig  

So und wer jetzt Lust gekriegt hat, sich selbst in die alten Handschriften zu vertiefen, um dort die von Schrick beschriebenen Wirkungsweisen nachzulesen, der kann das dank des Digitalisierungsprojektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft tun. Über die Homepage der Bayerischen Staatsbibliothek gelangt man zu einigen digitalisierten Handschriften von Schricks “geprennten Wassern”. Einfach hier nach “Schrick” suchen. Viel Spaß bei der Lektüre.

4 kommentare | kommentar schreiben
Andrea | 22.12.11

Ist ja spannend. Besonders das Bilsenkraut. Lustig finde ich auch die Eierschwammerln – die ess ich lieber und den Kuedreck – auf den könnte ich verzichten.

selisa | 22.12.11

Ja, über den Kuedreck hab ich mich auch ein bisserl gewundert. Eierschwammerl klingt schon besser. Steinpilze hab ich schon destilliert, war zwar mit dem Ergebnis nicht so ganz zufrieden, aber doch soweit, dass ich ein weiteres Experiment dazu starten werde.

andrea | 26.12.11

Das klingt echt spannend. Hoffentlich habe ich soviel Zeit, die ganzen Anregungen, die Du mir immer gibst, einmal selber auszuprobieren.
Aber ich seh schon, das ist Arbeit für Jahre!

Heike | 27.1.12

Liebe Selisa,

das ist hochspannend, was Du da an Informationen zusammenträgst und mitteilst! Ich danke Dir sehr für Deinen Forschergeist und Deine immer wieder aufs Neue faszinierenden Einblicke in das, was Pflanzen uns Menschen schenken.

Liebe Grüße
Heike

kommentieren

*
Zur Bestätigung bitte das Wort in dieses Feld eintragenBei Klick auf das Bild wird das Wort buchstabiert (englisch).
Hier klicken, um das Wort buchstabieren zu lassen (englisch).

Powered by WP Hashcash

trackback für eintrag  |  RSS-Feed