Unter den 500.000 weltweit bekannten Pflanzenarten besitzen – je nach Expertenschätzung - 40.000 bis 100.000 heilwirkende Kräfte. Eine enorme Zahl, die noch nicht einmal im Ansatz wissenschaftlich erforscht ist! Immerhin gibt es eine nicht unwesentliche Hilfestellung, um sich in der “Apotheke Natur” dennoch zurechtzufinden: die Erfahrungen, welche die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden gemacht haben. Im Grunde hat bereits ein in seiner Größenordnung einzigartiger, weil gigantischer Feldversuch stattgefunden. Wir würden einen schweren Fehler machen, würden wir dieses alte, über die Zeit überlieferte Pflanzen-Wissen einfach als überholt abtun und zusehen, wie es der Vergessenheit anheimfällt, bloß weil nicht zu jedem Kräutlein ein wissenschaftlicher Befund vorliegt.
Die Heilpflanzenkunde ist so alt wie die Menschheit selbst. Konkrete Spuren über die Anwendung von Heilkräutern lange vor unserer Zeitrechnung finden sich beispielsweise in Ausgrabungen: Im Irak wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein etwa 60.000 Jahre altes Grab entdeckt, in welchem die Toten auf Büscheln blühender Heilkräuter gebettet waren. Die Analyse förderte Blütenpollen von 28 verschiedenen Heilkräutern zutage, darunter Schafgarbe, Eibisch, Tausendgüldenkraut und Beifuß.
Ein historisches Beispiel aus unseren Breiten liefert der “Mann vom Hauslabjoch”, besser bekannt als “Ötzi”, der vor etwa 5300 Jahren in der ausgehenden Jungsteinzeit (Neolithikum) gelebt hat und dessen mumifizierte Überreste der Gletscher in denÖtztaler Alpen im Jahr 1991 freigegeben hat. “Ötzi” führte zwei Birkenporlinge mit sich, also Pilze, die auf Birken wachsen. Erst wurde vermutet, Ötzi hatte die Dinger wegen einer möglichen halluzinogenen Wirkung bei sich (wohl in der Annahme, dass man eine Alpenwanderung vor 5.000 Jahren nur im Drogenrausch anging), aller Wahrscheinlichkeit nach aber hatte er sie wegen ihrer antibiotischen Wirkung eingepackt. In dünne Streifen geschnitten wurde der Pilz früher als Bandage zur Wundstillung verwendet.
Erste schriftliche Aufzeichnungen (zumindest die ersten, die gefunden wurden) datieren mit 3.000 v.Chr. Es handelt sich um Keilschrifttexte, die in Mesopotamien entstanden, und eine Fülle pflanzlicher Rezepturen wiedergeben. Die Übersetzung ägyptischer Hieroglyphen wiederum förderte eine umfangreiche Liste von pflanzlichen Wirkstoffen zutage, mit denen nicht nur die Ärzte zur Zeit der Pharaonen bestens umzugehen wussten: 70 Prozent der dort auf Papyri aufgezeichneten Wirkstoffe gehörten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein zum Standard-Repertoire der Mediziner.
In unseren Breiten wirkte etwa 400 Jahre vor Chr. der griechische Wanderarzt Hippokrates von Kos, dessen hippokratischer Eid nicht nur Medizinern geläufig sein dürfte. Im 12. Jahrhundert erweiterte Hildegard von Bingen das volksmedizinische Wissen um die Pflanzenheilkunde beträchtlich, indem sie in ihrer neunbändigen „Physica“ viele heimische Pflanzen beschrieb, die nicht aus dem Mittelmeerraum kamen und bis dahin in den Schriften der Antike unerwähnt geblieben waren. Derzeit erlebt die Hildegard-von-Bingen-Medizin einen regelrechten Aufschwung, wobei für ihre Rezepturen das gleiche wie für alle alten medizinischen Gebrauchsanweisungen gilt: Längst nicht alles ist wirklich so heilsam, wie man das vor einigen Jahrhunderten dachte, weshalb man derartige Anleitungen tunlichst mit modernen Erkenntnissen vergleichen sollte.
Unbedingt erwähnen möchte ich noch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778). Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle bekannten Mineralien, Tiere und Pflanzen zu beschreiben und zu kategorisieren. Eine echte Hilfe im fachlichen Austausch, war doch bei den vielen volkskundlich überlieferten Namen oft nicht sicher, von welcher Pflanze nun eigentlich die Rede ist. Heute hilft uns die lateinische Bezeichnung Missverständnisse auszuschließen, und befindet sich hinter dem Namen noch ein “L.”, wissen wir auch noch um die Urheberschaft der Namensgebung: Carl von Linné.
Jetzt aber zu einem Naturdoktor, an dem man als Salzburgerin eigentlich nicht vorbeikann, nämlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus. In einem Reiseführer über Salzburg aus dem Jahr 1821 wird sein Grab den Besuchern quasi als DIE Sehenswürdigkeit der Stadt schlechthin ans Herz gelegt, während – nur so nebenbei erwähnt – das gleiche Büchlein über Mozart kein Wort verliert. Marketingtechnisch hat sich das mittlerweile geändert, über “Wolferl” stolpert man in der Mozartstadt praktisch an jeder Ecke, während man nach Paracelsus schon eher suchen muss.

Um der Wahrheit genüge zu tun, muss man aber auch sagen: Viele Jahre seines Lebens hat Parcelsus in Salzburg ja nicht verbracht. Der in Einsiedeln in der Schweiz geborene – und in hier in Salzburg begrabene – Arzt wirkte im 16. Jahrhundert an zahlreichen Orten, den Großteil seines Lebens zog er als Wander- und Wundarzt, zwischendurch auch als Militärarzt quer durch ganz Europa. Längere Zeit sesshaft war er überaus selten, als niedergelassenen Arzt hielt es ihn stets nur kurz: beispielsweise 1524/25, als es ihn das erste Mal nach Salzburg verschlug, in den Jahren 1526/27 in Straßburg (Frankreich) oder etwa 1527/28 als Stadtarzt und Professor in Basel.
Paracelsus holte sich sein Wissen von den Heilkundigen des Volkes, er verdankte – wie er selbst zugab – seine wertvollsten Kenntnisse den als Hexen verschrieenen und verfolgten kräuterkundigen Frauen, dem fahrenden Volk sowie Hirten und Bauern. Einer seiner Grundsätze lautete „Das Buch der Arznei ist die Natur selbst“, ein anderer, vielleicht sein bekanntester: „Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Dieser Lehrsatz war übrigens zugleich seine Verteidigung in diversen Gerichtsverhandlungen, die er wegen des Vorwurfs, er würde Patienten vergiften, durchzustehen hatte.
Obwohl Paracelsus viel mit Kräutern arbeitete und die sogenannte “Signaturenlehre” (wonach Pflanzen durch ihre Form erkennen lassen, gegen welche Leiden sie anzuwenden sind) entscheidend prägte, wäre die Bezeichnung “Kräuterdoktor” zu eng gefasst. Er befasste sich mit Astrologie, Theologie und Mystik, war Chemiker, Pharmazeut und Philosoph, experimentierte mit Mineralien und Schwermetallen.

"Hier liegt begraben Philipus Theophrastus, der berühmte Doktor der Medizin, welcher auch die schrecklichsten Wunden, Lepra, Podagra und Wassersucht und andere unheilbare scheinende Krankheiten durch seine wunderbare Kunst heilte. Und es brachte ihm auch Ehre ein, daß er sein Hab und Gut unter den Armen verteilen ließ", lautet ein Teil der Inschrift auf Paracelcus' Grabmal.
Davon, Heilkräuter aus entlegenen Gebieten zu importieren, hielt Paracelsus nichts. Er plädierte dafür, Heilmittel aus der unmittelbaren Umgebung zu wählen, also sich quasi am Wegesrand zu “bedienen”. Dies begründete sich in der Vorstellung, dass das Heilmittel dort zu suchen sei, wo auch die Krankheit entstanden ist. “Ubi malum, ibi remedium” - Wo die Krankheit, da das Heilmittel – lautet einer seiner überlieferten Grundsätze.
Paracelsus war Forscher und Querdenker, als solcher hatte er es nicht einfach und war auch nicht einfach. Seine kompromisslose , ohne jeden Sinn für diplomatische Zwischentöne formulierte Kritik an der Schulmedizin, an damals üblichen Behandlungsmethoden wie dem Aderlass, brachte ihm die Gegnerschaft der ärztlichen Kollegenschaft ein.
Zum Drüberstreuen scheute Paracelsus nicht den Konflikt mit der Obrigkeit, indem er ungenehme Schriften verfasste oder sich – 1524 kaum in Salzburg angekommen – im Bauernkrieg auf die Seite der Aufständischen stellte und damit beim Salzburger Erzbischof mehr als bloß unbeliebt machte: 1525 musste er fliehen und kam erst 1541 wieder nach Salzburg zurück, wo er am 24. September an den Folgen einer Blei- oder Quecksilbervergiftung – die er sich bei seinen Experimenten selbst zugezogen haben dürfte – verarmt starb.
Paracelsus wurde damals am Sebastiansfriedhof beigesetzt und 1752 in die Kirche St. Sebastian umgebettet. Ob nun allerdings tatsächlich alle seine Gebeine dort ruhen, sei dahingestellt, schließlich wurden die sterblichen Überreste des berühmten Arztes in den vergangenen Jahrhunderten mehr als einmal ausgehoben, um untersucht, analysiert und dann anderweitig wieder verwahrt zu werden. Während des Zweiten Weltkrieges befanden sich seine Knochen in der Obhut eines Salzburger Mozartforschers (hier schließt sich unser Kreisl), der die Gebeine in einer Schuhschachtel verwahrte und bei jedem Luftangriff in den Luftschutzkeller mitnahm. So erzählt man sich das bei uns jedenfalls…
Das 20. Jahrhundert ist geprägt vom Niedergang der Naturheilkunde. Die Industriealisierung hatte ihre Siegeszug angetreten und mit ihr die Chemie. Plötzlich war es möglich, die Wirkstoffe von Heilpflanzen zu identifizieren, zu isolieren und die Reinsubstanz sodann chemisch herzustellen. Ein heilchemisches Paradies schien sich aufzutun: Wozu Opium mühsam pflanzlich aufzubreiten, wenn es doch synthetisches Morphin gibt? Wozu Weidenrinde ernten, um deren Salicin- und Salicylalkoholderivate nutzen zu können, wenn die im Labor erzeugte Acetylsalicylsäure den Schmerz genauso gut verdrängt?
Aus der Tollkirsche wurde das Atropin isoliert, aus dem roten Fingerhut das Digitoxin. Die Herstellung der Reinsubstanzen im Labor hatte natürlich auch sein Gutes, war es doch dadurch erstmals möglich, exakte Dosierungen vorzunehmen. Gerade am Fingerhut lässt sich gut nachvollziehen, dass sein Einsatz bei Herzbeschwerden einem Lotteriespiel gleichkam: Wieviel Digitoxin die Pflanze enthält, hängt von unzähligen Faktoren ab, kann somit extrem schwanken und macht die Entscheidung zwischen heilender und möglicherweise tödlicher Dosis ziemlich schwierig!
Pflanzen als “Vielstoffgemische”
Die Jagd nach einzelnen Wirkstoffen bringt wichtige Erkenntnisse und spiegelt doch nur ein begrenztes Spektrum wieder: Pflanzen sind “Vielstoffgemische”. In jeder Pflanze befinden sich zahlreiche Stoffe und erst ihr Zusammenwirken macht die Wirkung aus. Bis heute gibt es Pflanzen, deren Heilkraft klinisch belegt ist, deren Wirkstoffe sich aber der Erforschung standhaft entziehen.
„Nutzt’s nix, so schadet’s nix“, lautet ein in Zusammenhang mit Pflanzenmedizin häufig gebrauchter Spruch, der eine Harmlosigkeit suggeriert, die so pauschal keinesfalls gegeben ist. Vieles von dem, was in unseren heimischen Gärten und Wiesen wächst, wirkt nicht bloß „ein bisserl“ sondern durchaus ausgeprägt.
Wie ausgeprägt, das zeigt sich besonders drastisch an ihrem der Heilung diametral entgegengesetzten Wirkspektrum: dort, wo es zu Vergiftungen kommt. So vergeht kaum eine „Bärlauch-Saison“ ohne Todesfall, weil es immer wieder zu Verwechslungen mit Herbstzeitlosen oder auch Maiglöckchen kommt.
Bei vielen Pflanzen reichen freilich schon geringere Mengen als die im vermeintlichen Bärlauch-Süppchen verarbeitete, um fatale Wirkung zu zeigen: Der Seidelbast – eine durchaus häufig anzutreffende Zierpflanze – löst mitunter bei bloßer Berührung Hautreizungen aus, zehn bis zwölf Beeren können bei einem Erwachsenen einen tödlichen Kreisklaufkollaps auslösen! Bei der Stechpalme wiederum liegt die tödliche Dosis für Erwachsene bei 20 bis 30 Beeren, bei Kindern muss bereits bei nur zwei Beeren mit dem Schlimmsten gerechnet werden! Ähnlich giftig die Tollkirsche: Die kritische Dosis zum Atmungsversagen liegt hier für Kinder bei drei Beeren, für Erwachsene bei zehn Beeren oder 0,3 g (!) der Blätter. „Natur pur“ kann also in einem Ausmaß toxisch wirken, die unsere Körperchemie hoffnungslos zum Kollabieren bringt.
Vor allem Kinder geraten leicht in Versuchung, von diversen bunten Beeren zu kosten: „Nach Haushaltschemikalien und Arzneimitteln nehmen giftige Pflanzen und Pflanzenteile bei Kindern den dritten Platz in der Statistik der Vergiftungsinformatinszentralen ein“, heißt es in einer Informationsbroschüre, welche die Salzburger Apothekerkammer deshalb gemeinsam mit dem Salzburger Bildungswerk und dem Salzburger Naturschutzbunde herausgegeben hat, um Eltern über mögliche Gefahren von Heil- und Giftpflanzen aufzuklären.
Die Grenze zwischen Heil- und Giftpflanze ist durchaus fließend, oft liegt’s – wie schon Paracelsus meinte – bloß an der Dosis, dann wieder hängt das Risiko schlichtweg davon ab, welchen Pflanzenteil man verwendet.
Baldrian etwa ist zwar ein wirksames Schlafmittel, sollte aber trotzdem nicht über längere Zeit hochdosiert eingenommen werden, weil dies die Nieren schädigen könnte. Beim Rizinus wiederum ist das aus den Samen gepresste Öl völlig harmlos und kann in vielen Bereichen – etwa in der Naturkosmetik als Basis für Lippenpflegestifte – unbedenklich angewendet werden. Doch wer daraus ableitet, der Same selbst wäre ebenfalls genießbar, irrt gewaltig – und tödlich: Nur einziges Stück Samen führt zu Nieren- und Herzversagen sowie tödlicher Atemlähmung!
Hübsch, aber gift: der Goldregen. Am höchsten ist die Giftkonzentration bei den im Herbst ausgereiften Samen. In drei bis vier Schoten stecken 15 bis 20 Samen – genug, um tödlich sein zu können. Oder nehmen wir den Efeu: Der Saft frischer Efeublätter kann allergische Reaktionen auf der Haut hervorrufen, die Beeren sind für Kinder giftig. Der Extrakt aus den Blättern hingegen ist ein Heilmittel, wirken doch die darin enthaltenen Saponine entzündungshemmend. Efeuextrakt lindert deshalb unter anderem chronische Bronchialentzündungen und akute Entzündungen der Atemwege. Der Würzburger Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat Efeu übrigens zur “Heilpflanze des Jahres 2010″ gekürt.
Die angeführten Beispiele sind kein Plädoyer gegen den Einsatz von pflanzlichen Heilmitteln. Ganz im Gegenteil: Die Kraft der Pflanzen ist enorm und jederman/jedefrau sollte sie nutzen können. Doch um sich der heilkräftigen Kräuter bedienen zu können, braucht es Information, Information und noch einmal Information.

Am Dürrnberg bei Hallein stießen Archäologen auf einige der bedeutendsten Keltenfunde. (Bild: Keltenmuseum Hallein)
Nur wenige Kilometer von meinem Wohnort entfernt erhebt sich der Dürrnberg und damit eine der bedeutendsten keltischen Ausgrabungsstätten. Immer, wenn ich dort nach Pflanzen für meine persönliche Hausapotheke Ausschau halte, frage ich mich, was wohl die Kelten seinerzeit gegen Kopfschmerzen, Fieber, Verletzungen und dergleichen mehr eingesetzt haben. Da trifft es sich gut, dass sich mit dem Halleiner Keltenmuseum auch gleich eine wichtige Forschungsstätte in meiner unmittelbaren Umgebung findet. Eine Spurensuche.
Vor etwa zweieinhalbtausend Jahren siedelten die Kelten praktisch im gesamten Salzburger Becken. Pflanzliche Fundstücke, die über die keltische “Phytotherapie” Auskunft geben könnten, sind – leider – dennoch Mangelware. Die Ärchaologen fanden am Dürrnberg bisher lediglich Pestwurz und/oder Huflattich sowie – in winziger Menge – etwas Salbei. “Pestwurz und/oder Huflattich” deshalb, weil die Identifikation nicht ganz einfach ist: Die beiden Kräuter sehen sich schon in frischem Zustand zum Verwechseln ähnlich, nach zweieinhalbtausend Jahren treten die minimalen Unterscheidungsmerkmale nicht eben deutlicher zutage.
In der Volksheilkunde kam Pestwurz früher – wie schon der Name sagt – zur Behandlung der Pest zum Einsatz. Huflattich wiederum ist ein äußerst wirksames Hustenmittel. Für beide Kräuter gibt es aber auch idente Anwendungen, etwa dort, wo es gilt, mit entzündungshemmenden und antibakteriellen Pflanzenwirkstoffen Wunden zu versorgen. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die gefundenen Kräuter eine Art “Erste-Hilfe-Paket” für die im Salzbergwerk beschäftigten Kelten darstellten. (Beide Heilpflanzen sind übrigens wegen ihres Gehalts an Pyrrolizidinalkaloiden und der damit verbundenen Gefahr einer Leberschädigung in Apotheken nicht mehr erhätlich.)
Faktum ist, dass die Kelten über ein relativ hochstehendes medizinisches Know-how auf dem Gebiet der Chirurgie verfügten: Knochenfunde geben Aufschluss über medizinisch indizierte Schädelöffnungen. Die Schädeldecken wurden mittels Bohr-, wie auch Schabtrepanation geöffnet, wobei die Archäologen aufgrund der Fundstücke davon ausgehen, dass diese Operationen durchaus erfolgreich verlaufen sind. Um es konkret zu formulieren: Der Patient hat den Eingriff auch überlebt.
Da drängt sich jetzt natürlich die Frage auf, inwieweit es sich bei den keltischen Ärzten um die immer wieder erwähnten “Druiden” - eine irgendwo zwischen Heiler und Priester angesiedelte Kaste - gehandelt hat. Die Antwort der Keltologen: Überlieferungen über Druiden als Priesterklasse betreffen den französischen Raum und die britischen Inseln. Für unsere Region gibt es keinerlei Hinweis auf ihre Existenz.
Und um gleich mit noch einem Mythos aufzuräumen: den keltischen Baumkalender (das keltische Baumhoroskop) gab’s in dieser Form auch nicht, der ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. 1971 kreierte die französische Journalistin Paule Delsol im Auftrag des Mode- und Lifestyle-Magazins “Marie Claire” eine ganze Reihe von Horoskopsystemen, die “alten” Kulturen nachempfunden waren. Ob “keltischer Baumkalender” oder “tibetisches” und ”arabisches” Horoskop – alles von Delsol frei erfunden.

Diese Rekonstruktion eines keltischen Streitwagens erwartet die BesucherInnen gleich am Beginn ihres Rundganges durch das Halleiner Keltenmuseum. Das Hairstyling entspricht übrigens historischen Tatsachen: Kalklauge sorgte für stachelig abstehende Haare und damit extra martialische Optik. Bild: Keltenmuseum Hallein
Aber zurück zur Wissenschaft und warum es so schwierig ist, den Kelten nachzuspüren. Viele Mythen und Beschreibungen, die sich um „die Kelten“ ranken, basieren auf Aufzeichnungen, die im frühen Mittelalter in Irland entstanden, von dort übernommen und dann auf alles, was „celtic“ hieß, umgelegt wurden. Wenn wir aber beispielsweise von den Kelten in unserer Region sprechen, dann reden wir über die Hallstatt- und Latène-Zeit, also den Zeitraum 8. bis 1. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung! Im Mittelalter waren die Kelten aus dem Salzburger Raum längst schon verschwunden…
Das zeigt sehr deutlich, wie weit die Spannweite dessen ist, was gemeinhin als “keltisch” gilt. Häufig geht es bei diesem Begriff nicht um eine ethnische sondern eine rein sprachwissenschaftliche Zuordnung, weshalb das Etikett “celtic” an unterschiedlichen eisenzeitlichen Volksstämmen quer durch Europa klebt. In der Nord-Süd-Achse findet sich Keltisches von Irland bis Norditalien, von Westen nach Osten gedacht führt die keltische Linie von Nordspanien bis Westungarn bzw. den Norden Kroatiens. Mittlerweile sind viele Keltologen überzeugt, dass beispielsweise ein irischer Kelte mit einem Kelten des alpinen Raums praktisch nichts zu tun hat (so wie sich Rumänen und Franzosen hinsichtlich Lebensart, Kultur und Religion durchaus entscheiden, obwohl beide Nationen dem romanischen Sprachkreis zugeordnet werden).
Über die Kelten gäbe es noch viel zu erzählen, was hier freilich den Rahmen sprechen würde. Einblick in das Leben der Kelten geben die Fundstücke vom Dürrnberg, die im Keltenmuseum in Hallein ausgestellt und damit (täglich von 9.00 bis 17.00o Uhr) der Öffentlichkeit zugänglich sind. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei Herrn Mag. Stefan Moser, dem Leiter des Keltenmuseums, sehr herzlich bedanken, der alle meine Fragen mit großer Geduld beantwortet hat. Inhaltliche Mängel dieses Artikels sind ausschließlich mir anzulasten.
Linktipps: Keltenmuseum, Filme, Bücher und Bilder über die Kelten am Dürrnberg
Abschließend noch ein persönlicher Hinweis: Mir ging es bei meinen Recherchen bewusst um einen wissenschaftlichen Zugang. Dass dabei Druiden und Baumkalender auf der Strecke geblieben sind, wird echte Pflanzenliebhaber nicht weiter stören. Wer ein tieferes Verständnis für die Tier- und Pflanzenwelt sucht, braucht dazu keine Mystifizierung der Vergangenheit. Mit nur ein bisschen Liebe zur Natur findet er den Schlüssel zur “Anderswelt” im Hier und Jetzt.


