phytomontana
Erste schriftliche Aufzeichnungen

Die Heilpflanzenkunde ist so alt wie die Menschheit selbst. Konkrete Spuren über die Anwendung von Heilkräutern lange vor unserer Zeitrechnung finden sich beispielsweise in Ausgrabungen: Im Irak wurde in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein etwa 60.000 Jahre altes Grab entdeckt, in welchem die Toten auf Büscheln blühender Heilkräuter gebettet waren. Die Analyse förderte Blütenpollen von 28 verschiedenen Heilkräutern zutage, darunter Schafgarbe, Eibisch, Tausendgüldenkraut und Beifuß.

Ein historisches Beispiel aus unseren Breiten liefert der “Mann vom Hauslabjoch”, besser bekannt als “Ötzi”, der vor etwa 5300 Jahren in der ausgehenden Jungsteinzeit (Neolithikum) gelebt hat und dessen mumifizierte Überreste der Gletscher in denÖtztaler Alpen im Jahr 1991 freigegeben hat. “Ötzi” führte zwei Birkenporlinge mit sich, also Pilze, die auf Birken wachsen. Erst wurde vermutet, Ötzi hatte die Dinger wegen einer möglichen halluzinogenen Wirkung bei sich (wohl in der Annahme, dass man eine Alpenwanderung vor 5.000 Jahren nur im Drogenrausch anging), aller Wahrscheinlichkeit nach aber hatte er sie wegen ihrer antibiotischen Wirkung eingepackt. In dünne Streifen geschnitten wurde der Pilz früher als Bandage zur Wundstillung verwendet.

Erste schriftliche Aufzeichnungen (zumindest die ersten, die gefunden wurden) datieren mit 3.000 v.Chr. Es handelt sich um Keilschrifttexte, die in Mesopotamien entstanden, und eine Fülle pflanzlicher Rezepturen wiedergeben. Die Übersetzung ägyptischer Hieroglyphen wiederum förderte eine umfangreiche Liste von pflanzlichen Wirkstoffen zutage, mit denen nicht nur die Ärzte zur Zeit der Pharaonen bestens umzugehen wussten: 70 Prozent der dort auf Papyri aufgezeichneten Wirkstoffe gehörten bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein zum Standard-Repertoire der Mediziner.

In unseren Breiten wirkte etwa 400 Jahre vor Chr. der griechische Wanderarzt Hippokrates von Kos, dessen hippokratischer Eid nicht nur Medizinern geläufig sein dürfte. Im 12. Jahrhundert erweiterte Hildegard von Bingen das volksmedizinische Wissen um die Pflanzenheilkunde beträchtlich, indem sie in ihrer neunbändigen „Physica“ viele heimische Pflanzen beschrieb, die nicht aus dem Mittelmeerraum kamen und bis dahin in den Schriften der Antike unerwähnt geblieben waren. Derzeit erlebt die Hildegard-von-Bingen-Medizin einen regelrechten Aufschwung, wobei für ihre Rezepturen das gleiche wie für alle alten medizinischen Gebrauchsanweisungen gilt: Längst nicht alles ist wirklich so heilsam, wie man das vor einigen Jahrhunderten dachte, weshalb man derartige Anleitungen tunlichst mit modernen Erkenntnissen vergleichen sollte.

Unbedingt erwähnen möchte ich noch den schwedischen Naturforscher Carl von Linné (1707  bis 1778). Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle bekannten Mineralien, Tiere und Pflanzen zu beschreiben und zu kategorisieren. Eine echte Hilfe im fachlichen Austausch, war doch bei den vielen volkskundlich überlieferten Namen oft nicht sicher, von welcher Pflanze nun eigentlich die Rede ist. Heute hilft uns die lateinische Bezeichnung Missverständnisse auszuschließen, und befindet sich hinter dem Namen noch ein “L.”, wissen wir auch noch um die Urheberschaft der Namensgebung: Carl von Linné.