phytomontana
Naturheilkunde auf dem Rückzug

Das 20. Jahrhundert ist geprägt vom Niedergang der Naturheilkunde. Die Industriealisierung hatte ihre Siegeszug angetreten und mit ihr die Chemie. Plötzlich war es möglich, die Wirkstoffe von Heilpflanzen zu identifizieren, zu isolieren und die Reinsubstanz sodann chemisch herzustellen. Ein heilchemisches Paradies schien sich aufzutun: Wozu Opium mühsam pflanzlich aufzubreiten, wenn es doch synthetisches Morphin gibt? Wozu Weidenrinde ernten, um deren Salicin- und Salicylalkoholderivate nutzen zu können, wenn die im Labor erzeugte Acetylsalicylsäure den Schmerz genauso gut verdrängt?

Aus der Tollkirsche wurde das Atropin isoliert, aus dem roten Fingerhut das Digitoxin. Die Herstellung der Reinsubstanzen im Labor hatte natürlich auch sein Gutes, war es doch dadurch erstmals möglich, exakte Dosierungen vorzunehmen. Gerade am Fingerhut lässt sich gut nachvollziehen, dass sein Einsatz bei Herzbeschwerden einem Lotteriespiel gleichkam: Wieviel Digitoxin die Pflanze enthält, hängt von unzähligen Faktoren ab, kann somit extrem schwanken und macht die Entscheidung zwischen heilender und möglicherweise tödlicher Dosis ziemlich schwierig!  

Pflanzen als “Vielstoffgemische”
Die Jagd nach einzelnen Wirkstoffen bringt wichtige Erkenntnisse und spiegelt doch nur ein begrenztes Spektrum wieder: Pflanzen sind “Vielstoffgemische”. In jeder Pflanze befinden sich zahlreiche Stoffe und erst ihr Zusammenwirken macht die Wirkung aus. Bis heute gibt es Pflanzen, deren Heilkraft klinisch belegt ist, deren Wirkstoffe sich aber der Erforschung standhaft entziehen.