phytomontana
Wirksam – bis zum Ende

„Nutzt’s nix, so schadet’s nix“, lautet ein in Zusammenhang mit Pflanzenmedizin häufig gebrauchter Spruch, der eine Harmlosigkeit suggeriert, die so pauschal keinesfalls gegeben ist. Vieles von dem, was in unseren heimischen Gärten und Wiesen wächst, wirkt nicht bloß „ein bisserl“ sondern durchaus ausgeprägt.

Eines der wichtigen Merkmale des Bärlauchs: die Stengel kommen einzeln aus dem Boden.

Eines der wichtigen Merkmale des Bärlauchs: die Stiele wachsen einzeln aus dem Boden.

Wie ausgeprägt, das zeigt sich besonders drastisch an ihrem der Heilung diametral entgegengesetzten Wirkspektrum: dort, wo es zu Vergiftungen kommt. So vergeht kaum eine „Bärlauch-Saison“ ohne Todesfall, weil es immer wieder zu Verwechslungen mit Herbstzeitlosen oder auch Maiglöckchen kommt.

Bei vielen Pflanzen reichen freilich schon geringere Mengen als die im vermeintlichen Bärlauch-Süppchen verarbeitete, um fatale Wirkung zu zeigen: Der Seidelbast – eine durchaus häufig anzutreffende Zierpflanze – löst mitunter bei bloßer Berührung Hautreizungen aus, zehn bis zwölf Beeren können bei einem Erwachsenen einen tödlichen Kreisklaufkollaps auslösen! Bei der Stechpalme wiederum liegt die tödliche Dosis für Erwachsene bei 20 bis 30 Beeren, bei Kindern muss bereits bei nur zwei Beeren mit dem Schlimmsten gerechnet werden! Ähnlich giftig die Tollkirsche: Die kritische Dosis zum Atmungsversagen liegt hier für Kinder bei drei Beeren, für Erwachsene bei zehn Beeren oder 0,3 g (!) der Blätter. „Natur pur“ kann also in einem Ausmaß toxisch wirken, die unsere Körperchemie hoffnungslos zum Kollabieren bringt.

Vor allem Kinder geraten leicht in Versuchung, von diversen bunten Beeren zu kosten: „Nach Haushaltschemikalien und Arzneimitteln nehmen giftige Pflanzen und Pflanzenteile bei Kindern den dritten Platz in der Statistik der Vergiftungsinformatinszentralen ein“, heißt es in einer Informationsbroschüre, welche die Salzburger Apothekerkammer deshalb gemeinsam mit dem Salzburger Bildungswerk und dem Salzburger Naturschutzbunde herausgegeben hat, um Eltern über mögliche Gefahren von Heil- und Giftpflanzen aufzuklären.

 

Die Grenze zwischen Heil- und Giftpflanze ist durchaus fließend, oft liegt’s – wie schon Paracelsus meinte – bloß an der Dosis, dann wieder hängt das Risiko schlichtweg davon ab, welchen Pflanzenteil man verwendet.

Baldrian etwa ist zwar ein wirksames Schlafmittel, sollte aber trotzdem nicht über längere Zeit hochdosiert eingenommen werden, weil dies die Nieren schädigen könnte. Beim Rizinus wiederum ist das aus den Samen gepresste Öl völlig harmlos und kann in vielen Bereichen – etwa in der Naturkosmetik als Basis für Lippenpflegestifte – unbedenklich angewendet werden. Doch wer daraus ableitet, der Same selbst wäre ebenfalls genießbar, irrt gewaltig – und tödlich: Nur einziges Stück Samen führt zu Nieren- und Herzversagen sowie tödlicher Atemlähmung!

Hübsch, aber gift: der Goldregen. Am höchsten ist die Giftkonzentration bei den im Herbst ausgereiften Samen. In drei bis vier Schoten stecken 15 bis 20 Samen – genug, um tödlich sein zu können. Oder nehmen wir den Efeu: Der Saft frischer Efeublätter kann allergische Reaktionen auf der Haut hervorrufen, die Beeren sind für Kinder giftig. Der Extrakt aus den Blättern hingegen ist ein Heilmittel, wirken doch die darin enthaltenen Saponine entzündungshemmend. Efeuextrakt lindert deshalb unter anderem chronische Bronchialentzündungen und akute Entzündungen der Atemwege. Der Würzburger Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde hat Efeu übrigens zur “Heilpflanze des Jahres 2010″ gekürt.

Die angeführten Beispiele sind kein Plädoyer gegen den Einsatz von pflanzlichen Heilmitteln. Ganz im Gegenteil: Die Kraft der Pflanzen ist enorm und jederman/jedefrau sollte sie nutzen können. Doch um sich der heilkräftigen Kräuter bedienen zu können, braucht es Information, Information und noch einmal Information.