Hydrolate

Schnell zusammengebaut und betriebsbereit: Leonardo
Darf ich vorstellen: Das ist “Leonardo”, mein Helfer bei der Herstellung kostbarer Hydrolate.

Diese kleine Pflanzen-Destille funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie es schon Leonardo da Vinci in Zeichnungen festgehalten hat, und eröffnete völlig neue Möglichkeiten für die Arbeit mit Pflanzen. Indem wir Pflanzen einer Wasserdampfdestillation unterziehen, gewinnen wir hochwertige Pflanzenwässer, die uns nicht nur wertvolle Wirkstoffe sondern oft auch ein betörendes Dufterlebnis schenken.  Und das alles fabrizieren wir unkompliziert auf dem eigenen Küchenherd!


Was sind Hydrolate?

Hydrolate entstehen, indem Pflanzen einer Wasserdampfdestillation unterzogen werden. Die Destillation von Pflanzenmaterial ist ein seit Jahrtausenden bekanntes Verfahren, wobei es dabei primär darum ging, der Pflanze ihre ätherischen Öle abzutrotzen. Im alten Ägypten wurden diese medizinisch – etwa zur Wundheilung und gegen Entzündungen -, aber auch als wertvolle Grabbeigabe eingesetzt. In der Antike entwickelten Griechen und dann Römer Destillationsanlagen, die in der Folge von den Arabern noch perfektioniert wurden. Durch die Verbesserung der Anlagen gelang es, zunehmend stärkere, intensivere Essenzen zu gewinnen.

Meist stand und steht also bei der Destillation die Gewinnung der ätherischen Öle – der lipophilen Stoffe (von „lipo“ – Fett) – im Vordergrund.  Als „Nebenprodukt“ fällt bei der Destillation allerdings eine deutlich größere Menge an wasserlöslichen hydrophilen Stoffen (von „hydro“ – Wasser) an: Wir sprechen bei diesem duftenden Pflanzenwasser dann vom Hydrolat.

Bild oben: Hier wurden getrocknete Lavendelblüten destilliert. In der Regel schwimmen die lipophilen Stoffe auf der wässrigen Phase obenauf. In einigen wenigen Ausnahmen sind die ätherischen Öle allerdings schwerer als das Hydrolat und sammeln sich am Boden der Flasche, etwa bei Zimt und Gewürznelken.

Obwohl durchaus aromatisch duftend und mit wertvollen Inhaltsstoffen angereichert, fristeten Hydrolate gegenüber den ätherischen Ölen lange ein Schattendasein. Oft genug landeten die Hydrolate als „Abfallprodukt“ der Ätherisch-Öl-Gewinnung im Abfluss. Nur selten – etwa bei Rosen und Orangenblüten – wurde auch dem Hydrolat ein hoher Stellenwert zugemessen. Noch seltener – wie bei der Zaubernuss (Hamamelis virginiana) – war das Hydrolat das primäre Ziel der Destillation.

Erfreulicherweise beginnt sich mittlerweile in Sachen Pflanzenwässer ein Umdenken abzuzeichnen. Ihr therapeutischer – und auch kulinarischer - Wert wird zunehmend erkannt und geschätzt. Gerade die im Vergleich zu ätherischen Ölen schwächere Wirkstoffkonzentration eröffnet neue Anwendungsmöglichkeiten und ist deshalb durchaus erwünscht.

Hydrolate von heimischen (TEH-)Pflanzen

Wer sich mit der Wasserdampfdestillation beschäftigt, wird feststellen, dass es zahlreiche Pflanzen gibt, die kein oder kaum (sichtbares) ätherisches Öl abgeben. Vor allem die in unseren Breiten gedeihenden Pflanzen kommen in der Regel bei weitem nicht an den Ölgehalt ihrer in sonnigeren und wärmeren Gefilden gedeihenden Verwandten heran.  Logisch: Die Pflanze bildet ihre ätherischen Öle unter anderem als Schutz vor Hitze aus! Ein Grund  mehr, sich an den Hydrolaten zu erfreuen, die uns unsere heimischen Pflanzen schenken.

 

 Zum Vergleich im Bild zwei 200-ml-Fläschchen. Ganz links das Ergebnis einer Destillation von hochwertigem Provence-Lavendel, rechts davon Pfefferminze aus Bayern. Ölmengen wie beim Lavendel sind die absolute Ausnahme! Selbst Mengen wie bei der Pfefferminze lassen sich von den meisten unserer TEH-Pflanzen nicht gewinnen.

 

 

Bei der Rose beträgt die Ausbeute an ätherischen Ölen lediglich 0,02 bis 0,05 Prozent: Es braucht 100 Kilogramm Rosenblüten, um rund 35 g ätherisches Rosenöl zu gewinnen. In unsere Kleindestillen passen bestenfalls ein halbes Kilo Rosenblüten hinein, womit der Traum vom selbst destillierten Rosenöl passé ist. Das Hydrolat ist freilich dennoch ein Traum!

Gerade das ist das Faszinierende an der Destillation von Pflanzen: Unabhängig davon, wie viel ätherisches Öl die Pflanze uns abgibt oder ob überhaupt eines anfällt - wir gewinnen bei nahezu jeder Destillation ein aroma- und wirkstoffreiches Hydrolat!

Von Mädesüß, Holunder- oder Lindenblüten bis Kornblumen, Hamamalis oder den Blättern der Schwarzen Johannisbeee – gerade die rund um uns wachsenden TEH-Pflanzen halten wahre Hydrolat-Schätze für uns bereit!

Holunderblüten – eine der vielen TEH-Pflanzen, die uns ein herrlich duftendes Hydrolat schenken.

Die Wasserdampfdestillation - so funktioniert's!

Der Vorgang der Wasserdampfdestillation ist im Grunde simpel und in seinen Grundzügen seit Jahrtausenden unverändert.

In einen Topf (Brennkessel) wird Wasser gegeben. Dann wird in den Topf ein Aromakorb - eine Art „Sieb“ - gestellt, wobei darauf zu achten ist, dass die Siebfläche oberhalb des Wasserspiegels liegt. Dadurch wird gewährleistet, dass die Pflanzenfraktion nicht im Wasser schwimmt, sondern beim Destillieren nur vom WasserDAMPF durchströmt wird. Nun wird der Dampfraum auf den Brennkessel gesetzt und die Destille mit Pflanzenmaterial befüllt. Zuletzt wird der Kühlkörper auf die Destille gesetzt und mit kaltem Wasser befüllt.

Jetzt kann die Destillation beginnen: Das Wasser wird erhitzt, worauf der Wasserdampf hochsteigt und auf seinem Weg durch das Pflanzenmaterial nach oben die flüchtigen, leicht löslichen Inhaltsstoffe der Pflanze mit sich reißt. Der heiße Dampf stößt am Kondensationskegel im inneren des Kühlbehälters an, kondensiert dabei und das Destillat tröpfelt über das Geistrohr in ein separates Gefäß.

Das Destillat enthält zum einen die lipophilen Stoffe, also die ätherischen Öle, und zum anderen die hydrophilen Stoffe: das Hydrolat. Bei den meisten Pflanzendestillaten setzt sich das ätherische Öl aufgrund seiner geringeren Dichte an der Oberfläche ab und lässt sich – am besten nach einer Reifezeit von mindestens drei bis vier Wochen – unkompliziert mit Hilfe einer Spritze absaugen.

Apropos Reifezeit: Wer ein frisch destilliertes Hydrolat mit einem mehrere Monate gereiften vergleich, wird vom Unterschied möglicherweise überrascht sein. Durch den Reifeprozess bauen sich manche Stoffe ab, andere verbinden und intensivieren sich. Die Pflanzenwässer gewinnen dabei deutlich an Aroma.

Tipp: Je mehr Pflanzenmaterial in die Destille wandert, desto stärker wird das Hydrolat mit Aroma- und Wirkstoffen angereichert!

Das Hydrolat enthält zwar primär die wasserlöslichen Stoffe, ist aber – auch nach dem Absaugen des Öls - immer auch mit einem gewissen Teil an ätherischen Ölen angereichert. Dies gilt freilich nur für Kleindestillen, in einer ausschließlich auf die Gewinnung des ätherischen Öles ausgerichteten Profi-Anlage erfolgt eine derart gründliche Filterung, dass die Hydrolate tatsächlich nur noch „Abfallprodukte“ darstellen...

Bild rechts: Würde man die Destille „aufschneiden“, sähe das Innere in etwa so aus. Das Kühlwasser wirkt auf den Kondensationskegel ein und bewirkt so die Abkühlung des Dampfes. Dieser kondensiert, unser Destillat kann über das Geistrohr abfließen.

Der Aromakorb ist hier zwecks optisch klarerer Darstellung nur mit einem kleinen Teil Pflanzenmaterial gefüllt. Tatsächlich kann der Dampfraum bis zur Verengung befüllt werden. Je mehr Pflanzenmaterial, desto besser die Aromaausbeute!

Unterschied „Wasserdampfdestillation“ zu „Wasserdestillation“
Nebst der Wasserdampfdestillation gibt es die Wasserdestillation, wobei „aus dem Wasser“ destilliert wird. Dabei kommt das Pflanzenmaterial nicht oberhalb des Wasserspiegels in den Aromakorb sondern wird direkt ins Wasser gegeben.

Auswahl und Vorbereitung der Pflanzen

Grundsätzlich lässt sich jede Pflanze destillieren. In manchen Fällen ist das Ergebnis in aromatischer Hinsicht eher dezent – etwa bei Löwenzahnblüten, Hopfen oder Taubnesseln -, dennoch entfalten auch diese Wässerchen ihre Wirkung.

Wichtig ist, auf die Qualität der Pflanze zu achten, dabei spielen Sammelort und -zeitpunkt sowie die Verarbeitung – frisch oder getrocknet, ganz oder zerkleinert - eine große Rolle.

  1. a) Wann und wo wird geerntet?
  • Nur gesunde Pflanzen sammeln, fern von stark befahrenen Straßen, Bahngleisen, Flughäfen oder sonstigen in Boden- und Luftgüte beeinträchtigen Gebieten.
  • Das Sammeln sollte an sonnigen Tagen erfolgen, wobei es zuvor auf jedenfalls einige trockene Tage gehabt haben muss. Regen schwemmt die Wirkstoffe aus und die Pflanze braucht etwas Zeit, bis sie ihre Kraft- und Aromadepots wieder aufgefüllt hat. Je länger die Regenperiode dauerte, desto länger braucht das „Auffüllen“.
  • An heißen Sommertagen sollte das Sammeln vor der Mittagszeit erledigt sein. Wird es nämlich der Pflanze zu heiß, fungieren die ätherischen Öle als Schutzmechanismus: sie verdunsten und verschaffen der Pflanze damit Kühlung.
  • Ebenfalls wichtig ist die Jahreszeit: Wer das Aroma von Fichte, Latsche & Co. einfangen möchte, sollte die jungen Triebe Mai/Juni, allerspätestens Anfang Juli sammeln. Bei Wurzeln empfiehlt sich hingegen eher der Herbst. Bei verschiedenen Blüten wiederum ist der Zeitpunkt der Blüte ideal.
  1. b) Frisch oder getrocknet? Oder angewelkt?

Auf diese Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort, hier hilft – nebst Erfahrungsaustausch mit anderen Destillateur*innen - eigentlich nur eines: probieren. Ich persönlich treffe eine erste Entscheidung nach folgenden Kriterien:

  • Pflanzen, die nur in frischem Zustand herrlich riechen, getrocknet dagegen deutlich weniger oder sogar ein völlig anderes Aroma verströmen, destilliere ich frisch. Beispiele sind Rose, Mädesüß, Holunderblüten, Melisse, ebenso Basilikum, Zitronenbasilikum, Zitronen-Katzenminze und Rosengeranie.
  • Pflanzen, die auch getrocknet viel Aroma versprühen, und bei denen man vielleicht noch die Ausbeute an ätherischem Öl erhöhen möchte, gebe ich getrocknet in die Destille. Dazu gehören z.B. Pfefferminze, Lavendel, Latsche. Anmerkung: All diese Pflanzen können in der Regel auch frisch destilliert werden. Sie getrocknet anzuwenden erleichtert einfach die zeitliche Planung, etwa wenn ein Destillieren unmittelbar nach der Ernte schlichtweg nicht möglich ist.
  • Mitunter empfiehlt es sich, einen Zwischenweg zu gehen und die Pflanzen in angewelktem Zustand – also ein, zwei Tage nach der Ernte – zu destillieren. Dazu gehören Kräuter wie der Waldmeister, dessen Cumarine sind in frisch gepflücktem Zustand kaum wahrnehmbar, sie entfalten ihr Aroma erst nach mehreren Stunden.

Kleiner Exkurs: Weil Melisse ihr Aroma am besten in frischem Zustand abgibt und da auch die Ausbeute an ihrem flüchtigen ätherischen Öl am größten ist, wird in der professionellen Melissenölgewinnung mit fahrbaren Destillen gearbeitet. Direkt am Feld wird das Öl gewonnen, das denn auch zu den teuersten gehörten: Die Ausbeute beläuft sich auf 0,015 bis 0,1 Prozent, womit klar ist: Aus einer kleinen Haushalts-Destille mit zwei, drei Litern Fassungsvermögen lässt sich das ätherische Öl bestenfalls in homöopatischer Dosierung gewinnen. Das Hydrolat von Melissen aus dem eigenen Garten ist allerdings derart aromaintensiv, dass das Öl nicht vermisst wird.

  1. c) Verarbeitung
Kurz bevor die Pflanzenfraktion in die Destille wandert, empfiehlt sich in vielen Fällen eine gründliche Zerkleinerung. Vor allem bei Hölzern, Wurzeln und Samen erhöht sich die Aromaausbeute dadurch ungemein.
Meist reicht es, die Kräuter mit einem Messer zu zerkleinern, etwa bei Basilikum und Salbei, Walnuss- oder Pfirschbaumblättern. Auch Pflanzen, bei denen wir sowohl Blüten wie Blätter in die Destille geben (z.B. Rosengeranie und Taubnessel) empfiehlt es sich, sie zu zerkleinern. Zum Teil genügt es, Blüten und Blätter mit der Hand vom Stängel abzustreifen, wie etwa bei der zarten Melisse.

Bei Nadelbäumen wie Latschenkiefer, Fichte oder Lärche können die ganzen Zweige samt Nadeln und Zapfen destilliert werden, zwecks Zerkleinerung empfiehlt sich hier der Gartenhäcksler. Um wiederum Holz zu destillieren – etwa von Eiche oder Zirbe -, besorgt man sich am besten frischgehobelte Späne.

 Samen wie Dill-, Koriander- oder Fenchelfrüchte sollten gut gemörsert werden. Auch das Zerkleinern in einer Kaffeemühle funktioniert hier gut.

Nicht notwendig ist ein Zerkleinern bei Pflanzen mit sehr zarten Blütenblättern, wie sie die Rose hat, sowie bei solchen mit sehr kleinen Blüten: bei Holunder oder Mädesüß reicht es, die Blüten mit der Schere von den gröbsten Stängeln zu schneiden.

Inhaltsstoffe von Hydrolaten

Wer sich mit Destillation beschäftigt, will natürlich wissen: Was ist eigentlich drin im Hydrolat?   Streng wissenschaftlich genommen, lassen sich die Inhaltsstoffe an ihrer Wasserdampfflüchtigkeit festmachen: Moleküle mit einem Gewicht von bis zu max. 250g/mol werden vom Wasserdampf mitgerissen, alle anderen sind zu schwer und deshalb nur noch in sehr geringer Menge – wenn überhaupt – im Hydrolat nachweisbar. Das Molekulargewicht – die Molare Masse - entscheidet also darüber, ob beziehungsweise in welcher Menge der Stoff beim Destillieren ins Hydrolat wandert.

Zu den nachgewiesenen Inhaltsstoffen im Hydrolat zählen also in erster Linie die wasserlöslichen (hydrophilen) Komponenten. Darüber hinaus enthält das Pflanzenwasser aber auch geringe Anteile des ätherischen Öls. Anders gesagt: Zusätzlich zum lipophilen Anteil, der sich in der Regel oberhalb des hydrophilen Anteils absetzt, finden sich im Hydrolat selbst feinst verteilt winzige Öltröpfchen.   Wir finden im  Hydrolat die Stoffgruppen Aldehyde, diverse Alkohole (z.B. Linalool, Lavendulol, Methylalkohol, Ethanol, Geraniol) und Ester sowie in kleinen Mengen auch Ketone, Oxide, Phenole und Cumarine.

Zu schwer für die Destillation und deshalb bestenfalls in Spuren im Hydrolat zu finden sind Bitterstoffe, Schleimstoffe und Gerbstoffe.     Wobei: Die Praxis zeigt, dass selbst Kleinstmengen für eine entsprechende Wirkung sorgen können! Hamameliswasser etwa hat sich in der Hautpflege bestens bewährt, obwohl die Gerbstoffe der Rinde eigentlich zu schwer sind, um in nennenswerter Menge vom Wasserdampf mitgerissen zu werden. Und wer Walnussblätter-Hydrolat auf der Haut testet, wird auch hier die deutlich adstringierende Wirkung feststellen!

Der Destillationsvorgang stellt einen hochenergetischen Prozess dar, der auch neue Stoffe hervorbringen kann. Ein Beispiel dafür ist die Deutsche Kamille (Matricaria recutita): Das durch die Wasserdampfdestillation gewonnene ätherische Öl enthält das therapeutisch interessante Chamazulen, welches durch seine intensive blaue Farbe ins Auge sticht. In der Pflanze findet sich jedoch kein blauer Farbstoff, dieser wird erst durch den Destillationsprozess aus dem farblosen Matrizin gebildet.

Tipp: Um die Destille zur Gänze zu befüllen und so die Aromaausbeute des Hydrolats zu erhöhen, können auch tiefgekühlte Pflanzen-fraktionen verwendet werden. Ob Rose oder Latschenkiefer: einfach sammeln und einfrieren, bis die notwendige Menge beisammen ist. Ein Auftauen der Pflanzen ist nicht notwendig, sie können in gefrorenem Zustand destilliert werden.

Detail am Rande: Bestimmte Wirkstoffe kommen überhaupt erst im Hydrolat so richtig zur Geltung. Ein Beispiel: Chemischer Hauptbestandteil von Rosenblüten und hauptverantwortlich für den wunderbaren Duft der Rosen ist 2-Phenylethanol.   Dieser Stoff wiederum ist in hohem Maße wasserlöslich und geht damit beim Destillieren primär ins Hydrolat (und nicht ins ätherische Öl) über. Dies ist auch der Grund, weshalb Rosenhydrolat deutlicher den typischen Rosenduft verströmt als das ätherische Rosenöl.

Exakte Inhaltsangaben? Nur durch chemische Analyse!

Welche Stoffe in welcher Menge von der Pflanze gebildet werden, hängt zum einen natürlich von der Genetik der Pflanze ab, aber auch vom Standort, den Wetterbedingungen und dem Erntezeitpunkt. Die exakte Zusammensetzung der Inhaltsstoffe lässt sich letztlich nur durch eine chemische Analyse bestimmen.

Für unseren Gebrauch sind Analyse-Verfahren wie die Gaschromatografie wegen ihres Aufwandes und der Kosten nicht praktikabel. Wir orientieren uns hinsichtlich der Inhaltsstoffe und ihrer Wirkung deshalb primär an den Daten, die wir aus Pflanzenmonographien und aromatherapeutischen Anwendungen kennen.

Wirkung von Hydrolaten

Wer Pflanzenwässer herstellt, will natürlich wissen, wie sie wirken. Einen ersten Anhaltspunkt liefert die in der Aromatherapie bereits gut erforschte Wirkungsweise der ätherischen Öle, da ja ein kleiner Teil – beziehungsweise gewisse Bestandteile davon - immer auch in den Hydrolaten vorhanden ist.  

Die Pflanzenwässer werden deshalb auch gerne als „verdünntes“ und damit sanfteres Therapeutikum in der Aromatherapie eingesetzt. Man würde die Hydrolate freilich unter ihrem Wert schlagen, würde man sie auf die Wirkung der Öle beschränken. Schließlich enthalten sie ja – im Gegensatz zum ätherischen Öl - auch die hydrophilen Anteile, was sie zu einem doch komplexeren Stoffgemisch macht.

Auch ohne Ölausbeute interessant: Hydrolate von TEH-Pflanzen!

Zudem gibt es zahlreiche Pflanzen, die (zumindest in unseren Kleindestillen) nicht zur Gewinnung von ätherischen Ölen taugen, aber dennoch herrliche Hydrolate abgeben.  Gerade in unseren Breiten und den Anwendungen der Traditionellen Europäischen Heilkunde können wir für die Herstellung interessanter Hydrolate auf eine Fülle solcher Pflanzenschätze zurückgreifen: Kornblume, Holunderblüten, Walnussblätter, Löwenzahn, Melisse, Zirbenholz, Augentrost, Latschenkiefer, Mädesüß, Taubnessel, wilde Möhre und viele mehr.

Um Hydrolate zielgerichtet einzusetzen, kann man sich in einem ersten Schritt – ungeachtet aller chemischen Analysen  - durchaus an der Wirkung orientieren, die der jeweiligen Pflanze zugeschrieben wird. Nebst einem großen volksheilkundlich überlieferten Erfahrungsschatz können wir auf rund 380 wissenschaftlich erhobene Pflanzenmonographien zugreifen. Dieser Abgleich von traditioneller Heilkunde und wissenschaftlicher Faktenlage erfolgte in Deutschland durch die Kommission E, europaweit durch die ESCOP, weltweit durch die WHO.

a)     Ob auf der Haut oder über den Magen: viele Wege führen zur Wirkung

 Hydrolate können innerlich wie äußerlich angewendet werden. Ein Glas Wasser mit einem Schuss Hydrolat aromatisiert und getrunken, lässt uns die Wirkstoffe innerlich über den Magen-Darm-Trakt aufnehmen.

Tipp: Nicht jedes Hydrolat ist für jede Anwendung geeignet! Nelkengewürz- oder Zimt-Hydrolat machen sich wunderbar in der Küche und diversen TEH-Anwendungen, können aber auf der Haut stark reizend wirken! Dass man Hydrolate von giftigen Pflanzen nicht einnimmt, versteht sich von selbst.

Äußerlich – etwa pur aufgesprüht oder in einer Salbe verarbeitet - gelangen die Wirkstoffe über die Haut in unseren Organismus. Ob Achselspray oder Sonnenschutzcrème – aus zahlreichen Untersuchungen ist bekannt, dass verschiedene Wirkstoffe über die Haut ins Blut gelangen. Freilich nicht immer zu unserem Vorteil, man denke an die Diskussion von Aluminium in Deos.

Interessant ist aber eine noch ganz andere Wirkung der Hydrolate (und praktisch allen „riechenden“ Substanzen): die über ihre Duftkomponenten!

b) Von Lernhilfe bis Neuwagenspray – Duftmoleküle wirken unbewusst

Unser Geruchssinn ist unser „erster“ Sinn, er sitzt im ältesten Teil unseres Gehirns. Düfte marschieren schnurstracks direkt in unser limbisches System, welches unter anderem für unsere Gefühle zuständig ist und sich in der Regel unserer Kontrolle entzieht.

Duftreize führen im limbischen System zur Ausschüttung von Botenstoffen wie zum Beispiel Endorphinen, die wiederum für „gute Stimmung“ zuständig sind. Und genau diese Wirkungsweise können wir für unser Wohlbefinden gezielt einsetzen: Etwas Rosen- oder Rosengeranien-Hydrolat nach der morgendlichen Reinigung ins Gesicht gesprüht, das macht etwas mit uns!

Unter anderem wecken Düfte bei uns Erinnerungen. Derartige Prozesse laufen unbewusst ab, wir können sie aber dennoch gezielt einsetzen. Beispielsweise um uns auf Prüfungen vorzubereiten: Wer etwa bei Rosmarinduft lernt, kann genau diesen Duft bei der Prüfung einsetzen, um sich besser an das Gelernte zu erinnern.

Auch im Marketing wird die Wirkung von Duften intensiv genutzt. Beispiel gefällig? Damit die Kunststoff- und Gummiteile des gebrauchten Pkw so „neu“ riechen als käme das Fahrzeug frisch vom Fließband, kommen im Gebrauchtwagenhandel  „Neuwagensprays“ zum Einsatz.

c) Wir riechen nicht nur mit der Nase!

Heute weiß man: Nicht nur in der Nase sondern in vielen menschlichen Organen sitzen Riechrezeptoren. Rund 3

50 solcher Riechrezeptoren haben Zellphysiologen bisher gefunden, 20 bis 30 sitzen allein in unserer Haut. Geforscht wird, mit welchen Duftstoffen sich die Rezeptoren etwa an der Schilddrüse, in Magenzellen oder auch in Gehirntumorzellen aktivieren und beeinflussen lassen.

Haltbarkeit und Aufbewahrung
Meine Hydrolate sind 100-prozentig naturrein, ich gebe keinerlei Alkohol, Konservierungs- oder sonstige Zusatzstoffe bei. Dennoch habe ich bezüglich der Haltbarkeit beste Erfahrungen gemacht, viele Wässerchen zeigen selbst nach fünf, sechs oder mehr Jahren keine Qualitätseinbuße.  Das liegt unter anderem in ihrem niedrigen ph-Wert begründet: Hydrolate sind “sauer” und weisen damit ein wenig keimfreundliches Milieu auf. Ihr saurer ph-Wert ist – nebst dem Erhitzen des Destillationsvorgangs – hauptverantwortlich für ihre Haltbarkeit. Das erklärt wohl auch, warum Hydrolate, deren ph-Wert sich in in Richtung „neutral“ (ph-Wert 7) bewegt (z.B. Pfefferminz-Hydrolat), weniger stabil sind als Hydrolate mit einem sauren ph-Wert von 5, 4 oder weniger.
  • Um sich möglichst lange am selbst destillierten Hydrolat zu erfreuen, sollte man Verkeimung vermeiden, also einige Hygiene-Regeln beachten:   
  • Beim Destillieren sauber arbeiten und beispielsweise die Auffangfläschchen mit heißem Wasser oder hochprozentigem Alkohol reinigen.
  • Hydrolate lichtgeschützt und - wenn sie über Jahre nicht gebraucht werden - kühl aufbewahren.
  • Oftmaliges Öffnen und Umfüllen vermeiden. Jede Manipulation erhöht die Gefahr einer Verkeimung.

Anders gesagt: Wer sein Hydrolat jahrelang auf dem südseitig gelegenen Fensterbankerl aufbewahrt, es ständig öffnet und den gesamten Freundeskreis daran schnupp(f)ern lässt, muss mit einer verkürzten Lebensdauer rechnen. Mit "kühl" ist übrigens nicht Kühlschranktemperatur gemeint. Ein Kellerraum tut es auch.

Tipp: Hydrolate am besten in durchsichtigen Glasflaschen aufbewahren. So sind eventuelle Veränderungen im Pflanzenwasser schnell zu sehen. Damit sie trotzdem dunkel lagern einfach in einen Schrank stellen.

Neun Phytomontana-Hydrolate hydrologisch untersucht:

Weil ich in Sachen Haltbarkeit mehr wissen wollte, habe ich neun Wässerchen hydrologisch untersuchen lassen. Dabei waren sieben Hydrolate völlig in Ordnung, nur in zweien wurden Keime nachgewiesen. Die Wässerchen waren bis zu elf Jahre alt, wobei die stärkste Verkeimung interessanterweise eines der jüngeren vorwies: das Holunderblüten-Hydrolat. Details zur Untersuchung habe ich hier online ("Hydrolate und Verkeimung") gestellt. Ich selbst fühle mich durch diese Untersuchung in meinem Umgang mit Hydrolaten bestätigt und werde ihnen auch in Zukunft weder Alkohol noch sonstige Konservierungsstoffe zusetzen. Wer freilich in Sachen Verkeimung auf Nummer Sicher gehen will, wird – je nach Anwendung - um eine Konservierung nicht herumkommen.

Abschließend noch ein Hinweis: Hydrolate brauchen auch eine gewisse Zeit zum “Reifen”. Ein Holunderblüten-Hydrolat beispielsweise riecht bereits unmittelbar nach dem Destillieren ganz wunderbar. Doch wer am gleichen Destillat nach einem Jahr schnuppert, wird überrascht sein, wie geradezu wuchtig sich das Aroma entwickelt hat! Falls also mal ein Wässerchen direkt nach dem Destillieren etwas unspektakulär riecht, bloß nicht Nerven (und Hydrolat) wegwerfen. Warten! Und in ein paar Monaten schnuppern, was es gebracht hat.

Verwendung von Hydrolaten

Hydrolate eröffnen eine unglaublich bunte Palette an Anwendungen.   Lavendel-Hydrolat im Bügelwasser macht die Bettwäsche zur Einschlafhilfe, ein Fläschchen Pfefferminz-Hydrolat in der Handtasche verschafft im Sommer jederzeit rasch Kühlung – der Phantasie sind praktisch keine Grenzen gesetzt.

Besonders hervorzuheben sind folgende drei Einsatzbereiche:

  • Naturkosmetik
  • TEH-Anwendungen für Gesundheit und Wohlbefinden
  • Aromaküche
Naturkosmetik:

Bei der Herstellung von hautpflegenden Cremen kann die Wasserphase ganz oder teilweise durch Hydrolate ersetzt werden. Ebenso lassen sich die selbst destillierten Pflanzenwässer auch pur als Gesichtswasser oder zum Anrühren von Masken, Peelings etc. verwenden. Dabei kommt vieles mehr als Rose zum Einsatz, so zum Beispiel Stiefmütterchen, Jiaogulan, Holunderblüten, Feigenblättern, Muskatellersalbei, Hopfen oder Günsel. Welches Hydrolat in welcher Dosierung gut tut, muss man dabei ganz einfach selbst austesten.

Die Liste der hautpflegenden Hydrolate ist lang:  Rose, Rosengeranie, Taubnessel, Jiaogulan, Feigenblätter, Hopfen oder Günsel, um nur einige wenige aufzuzählen.    Bei fetter, unreiner Haut empfehlen sich adstringierende Pflanzenwässer wie jene von Walnussblättern, Zaubernuss, Gänseblümchen, Gundelrebe.  Besonders geeignet für trockene und reife Haut sind: Wilde Möhre, Hopfen, Jiaogulan, Feigenblätter, Frauenmantel, Rose, Rosengeranie, Taubnessel, Löwenzahnblüten.

In der Haarpflege haben sich die Hydrolate von Birkenblättern, Brennesseln und – Kaffee (!) bewährt.

Tipp: Die schnellste und einfachste Hautpflege besteht übrigens in einer „Schüttellotion“: Einfach zwei Teile Hydrolat mit einem Teil hochwertigem Pflanzenöl in eine Sprühflasche geben und vor dem Gebrauch gut schütteln. Natürlich lassen sich die Hydrolate auch zum Anrühren von Masken, Peelings etc. verwenden.

Aromaküche:

Gewürzhydrolate erweitern den kulinarischen Spielraum und eröffnen experimentierfreudigen Köchen neue Möglichkeiten.    Die Hydrolate von Lorbeer, grünem Pfeffer, Salbei, Rosmarin, Thymian, Bohnenkraut, Ysop, Lavendel, Mädesüß eignen sich hervorragend zum finalen Abschmecken von Dipps, Saucen und Ragouts oder einfach nur zum Parfümieren von Desserts. Die Hydrolate von Zitronenbasilikum, Koriandersamen, aber auch der Robinienblüte (sehr interessant in Kombination mit Senf und Agavendicksaft) verhelfen Salatmarinaden zu interessanten Geschmacksnuancen. Besonders ergiebig in puncto Aroma sind die Samen von Gewürzkräutern wie Koriander, Fenchel und Dill.

Schlagobers oder Sojasahne in einen Espuma-Schäumer geben, einen Schuss Agavendicksaft sowie einen Esslöffel Hydrolat von den Blättern eines Pfirsichbaumes unterheben. Man lasse sich vom intensiven „Marzipan“-Geschmack überraschen!

 Das Feine an den Hydrolaten ist ihre einfache Dosierbarkeit: Lavendel beispielsweise harmoniert wunderbar mit dem Geschmack von Apfel, ist aber nicht jedermanns oder -frau Sache, weshalb man den Lavendel wohl nur selten in einen Apfelstrudel einarbeiten wird. ABER: Mit Hilfe eines Lavendel-Hydrolats im Sprühfläschchen kann sich jeder seinen Strudel oder die Apfeltarte nach eigenem Gusto aromatisieren.

Für Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden:

Hydrolate erweitern das  Anwendungsspektrum im TEH-Bereich um eine höchst interessante Facette. Wie schon erwähnt, handelt es sich bei der Destillation um einen hochenergetischen Vorgang. Wir gewinnen dabei Stoffe, die sich durch bloßes Aufgießen mit heißem Wasser (Tee) oder Einlegen in Alkohol (Tinktur) nicht oder zumindest nicht in dieser Menge aus der Pflanze herauslösen lassen.

Wir können Hydrolate pur anwenden (Lavendel-Hydrolat beispielsweise sollte aufgrund seiner schmerz- und juckreizstillenden Wirkung in keiner Hausapotheke fehlen), oder sie in Rezepturen "einbauen", etwa  indem wir sie zur Herstellung „kompletterer“ Tinkturen weiterverwenden:   Dabei wird die Pflanze nicht einfach in Alkohol sondern in einer Mischung aus Alkohol und dem Hydrolat der gleichen Pflanze angesetzt. Diese Mischung einige Wochen stehen lassen und danach wie mit herkömmlich angesetzten Tinkturen weiter verfahren.

Pur können Hydrolate sowohl äußerlich wie innerlich angewendet werden, wobei auch  ihre Wirkung über die Riechrezeptoren nicht zu unterschätzen ist! Fichten- und Latschen-Hydrolat, aber auch das Hydrolat vom Zirbenholz eignen sich aufgrund ihrer beruhigenden Wirkung hervorragend als Einschlafhilfe – dazu einfach etwas Hydrolat neben den Kopfpolster sprühen.

Bei Erkrankungen der Atemwege sind Inhalationen eine Wohltat. Dazu eignen sich unter anderem die Hydrolate von Thymian, Kamille und Latschenkiefer.  Bei Entzündungen im Rachenbereich sind die Hydrolate von Salbei und Gewürznelke hilfreich.

Tipp: Der einfachste Weg, um sich bei Halsweh in der Nacht Linderung zu verschaffen, ohne Aufstehen zu müssen, ist ein Sprühfläschchen Lavendel-Hydrolat am Nachtkästchen. In den Rachen gesprüht, wirkt es wohltuend befeuchtend und durch die Wirkstoffe des Lavendels schmerzstillend.

 

Ich möchte hier ausdrücklich festhalten, dass ich über keine medizinische Ausbildung verfüge und somit nicht nur nicht berechtigt sondern fachlich auch gar nicht dazu befähigt bin, medizinische Ratschläge zu erteilen! Die “Gesundheits-” bzw. “Wohlfühl-Rezepte”, die ich auf meiner Seite veröffentliche, spiegeln ausschließlich persönliche Erfahrungen wieder. Wer - wie ich - sehr viel mit Hydrolaten experimentiert, greift bei diversen Wehwehchen nicht nur auf Tees, sondern auch auf die selbst hergestellten Destillate zurück.

Wer also krank ist: bitte zum Arzt!